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Im Blickpunkt …
Das Sachsler Meditationstuch, das einst Niklaus von Flüe gehörte, ist sozusagen ein Mind Mapping der Devotio Moderna. In der Mitte wird das Haupthema abgebildet: der Mensch als Ebenbild Gottes. Vom zentralen Thema gehen Äste aus zu den mit ihm zusammenhängenden Seitenthemen, ohne die das Hauptthema gegenstandslos wäre. (• Schema öffnen, PDF) Der Mensch ist Abbild Gottes (Gen 1,27), gemäss Augustinus in den drei Seelenteilen: Geist, Vernunft, Wille. Der franziskanische Theologe Bonaventura bezieht diese Entsprechung auf die drei Personen Gottes. Bildlich kann diese Dreiheit dargestellt werden mit drei wichtigen Teilen des Gesichts: Auge, Ohr, Mund. Diese Idee wurzelt im Gedankengut des Petrus Lombardus. Vor der ersten Übermalung war im zentralen Medaillon das Ohr noch sichtbar, wie überhaupt das ursprüngliche Gesicht gegenüber dem heute an der Oberfläche erscheinenden sehr verschieden ist (• Röntgenaufnahme von 1947). – Der Mensch ist das Abbild (Ebenbild) Gottes, der regierende Fürst mit seiner grossen Verantwortung ist es dazu noch in besonderem Masse. Die sechs äusseren Rundbilder enthalten die sechs wichtigsten Momente des christlichen Glaubens: Schöpfung, Verkündigung Christi, Tod Jesu am Kreuz, Geburt, Gefangennahme Jesu, Gegenwart Christi in der Messe. Die drei erstgenannten Medaillons beziehen sich auch auf die drei göttlichen Personen: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Zudem wird überall in Symbolen das angedeutet, was der Mensch tun muss, um wirklich Abbild Gottes zu sein, nämlich barmherzig gegenüber den Mitmenschen zu handeln. Der Glaube wird angenommen, empfangen, im Tuch dargestellt als Wege nach innen durch drei Lichtstrahlen. Drei weitere Strahlen symbolisieren den Weg nach aussen und zielen auf die Werke der Barmherzigkeit. Die Werke geben die Antwort auf den Glauben. Das ganze Meditationsbild erhält so eine vernetzte Struktur. Statt der Strahlen (radioli) würden wir heute Pfeile zeichnen. Im Burgundischen Reich verbreitete sich die aus dem niederländischen Deventer stammende Spiritualität namens «Devotio Moderna» im 15. Jahrhundert sehr rasch, erreichte bald einmal auch Basel und erhielt dort eine wichtige Bedeutung bei den Augustiner Orden (Chorherren und Eremiten). Doch daran schieden sich die Geister, die Bevölkerung der Stadt war in den Ansichten jahrelang gespalten; ja sogar in manchen Familien stritt man sich darüber. Um das Augustiner-Stift St. Leonhard begannen fromme Laien karitative Bruderschaften zu gründen. Die Dominikanerschwestern im Klingental (Kleinbasel) wollten da nicht zurückstehen und übten sich eifrig in karitativen Werken, sie teilten ihren geistigen und materiellen Reichtum mit den Armen und Bedürftigen. Diese «moderne» Emanzipation gefiel den Predigern (Dominikanerbrüder) in Basel gar nicht, sie wollten eine verschärfende Reform einführen (vgl. Quelle 025): Die Schwestern gehörten ihrer Ansicht nach in die Klausur und hätten auf der Strasse nichts zu suchen. Der Vorwurf der Verweltlichung, der noch bisweilen heute nachhallt, ist jedenfalls in negativer Hinsicht nicht berechtigt, es geht vielmehr um eine andere Form der Nachfolge Christi. So kam es schliesslich zum heftigen Konflikt, in dem die Brüder die Schwestern aus dem Kloster vertrieben. Aber sie konnten nach dem Urteil eines Eidgenössischen Schiedsgerichts wieder zurückkehren und wandten sich nun ganz der neuen augustinischen Spiritualität zu, der «Devotio Moderna». Im ganzen Streit ging es eigentlich nur um dieses Thema. Die Entstehung des Meditationstuches wurzelt also kaum in der alten, eher weltabgewandten Mystik sondern im aktiven Teilnehmen des Christen im aktuellen Leben der Mitmenschen, in der Aktualisierung des Evangeliums. Unter den Laienanhängern der Devotio Moderna in Basel befanden sich Handwerker und Kaufleute. Der Kaufmann und Diplomat Hans Irmi der Jüngere war zudem dem Burgunder Herzog Karl dem Kühnen sehr verbunden. 1469 mussten Stadt und Bistum Basel der burgundischen Protektion unterstellt werden, als der bisherige Schutzherr, Herzog Sigmund von Österreich, seine westlichen Besitztümer im Elsass und im Breisgau an den Burgunder Herzog, Karl den Kühnen, verpfänden musste. Eine gute Gelegenheit, dem neuen Schutzherrn einen «Fürstenspiegel» als Geschenk vor Augen zu halten, was ihn immer daran erinnern sollte, wie er sich als Ebenbild Gottes zu verhalten habe. Die Devotio Moderna (DM) wird aber bisweilen komplett falsch beurteilt, die Tatsachen werden verdreht. Hier noch als Zitat ein Satz aus einem Buch über Bruder Klaus (von Roland Gröbli): «Während die Mystik mehr die Göttlichkeit des Menschen erkennt, betont die Devotio Moderna die Verlorenheit und Sündhaftigkeit des Menschen in der Welt.» Diese Interpretation ist völlig falsch. Denn, die Werke der Barmherzigkeit bei der DM zeigen klar und deutlich, dass die armen, verlorenen und sündhaften Menschen nicht ausgegrenzt sondern abgeholt werden, dass man sich um sie kümmert. Ein solcher sozialer Gedanke fehlte hingegen bei der alten und eher egozentrischen, narzisstischen Mystik. Ohne die Herkunft des gemalten Tuches zu kennen, hat der Autor des «Pilgertraktat» (Quelle 048) die Botschaft des Bildes sehr gut verstanden. Zudem wird dort in den Holzschnitten zu den sozialen Werken immer eine barmherzig handelnde Begine (Schwester der DM) dargestellt, die sich von Jesus unterweisen lässt (Mt 25). Die «Göttlichkeit» des Menschen ist in den monotheistischen Religionen kein Thema, ausser bei narzisstischen Sekten, dafür aber umso mehr die «Gott-Ebenbildlichkeit», was nicht dasselbe ist.
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